eine diagnose kann große erleichterung bringen, wenn sie dabei hilft, zu erkennen, was mit einem los ist. sie kann wichtig sein, um etwas zu realisieren und auch teil einer neuen anerkennung für das eigene erleben sein: es gibt einen grund dafür, dass ich so bin, wie ich bin.
eine zutreffende diagnose kann dabei helfen, die notwendigen heilungsschritte zu erkennen.
diagnosen können wertvoll sein, als teil eines erkenntnisprozesses.
aber eine diagnose kann auch verletzen, wenn eine person von außen über ihre diagnose definiert wird, oder sich selbst damit identifiziert. diagnosen können stigmatisieren.
wenn eine diagnose nur bestimmte symptome beschreibt, die ursache aber nicht mit einschließt, kann sie für betroffene menschen zu einer belastung werden.
in seinem buch "healing the sould wound" beschreibt eduardo duran diagnosestellungen als einen prozess der namensgebung. das symptom wird zur identität der person gemacht.
eduardo duran ist indigener herkunft und hat als psychologe in indigenen gemeinden, vor allem in den usa, gearbeitet und sich gegen westliche dogmen gewehrt. er sieht in westlichen zuschreibungen und diagnosestellungen eine weitere form postkolonialer unterdrückung. die diagnose ist teil des systems, dass die primäre traumatisierung verursacht hat und führt diese verletzung noch fort.
seine, durch die traditionelle kultur geprägte, herangehensweise ähnelt der haltung, mit der ich therapeutisch arbeite. er geht davon aus, dass alles einen "spirit" hat oder ein spirit ist. so auch beispielsweise die depression (spirit of sadness), der alkoholismus, oder die aggression - oder jedes andere symptom. es geht darum, mit dem spirit in einen respektvollen austausch zu treten und zu verstehen, warum er da ist, was er will oder braucht.
auch für mich geht es darum, menschen dabei zu unterstützen, in einen wohlwollenden kontakt mit allen aspekten des selbst zu treten. auch mit den anteilen einer person, die die symptomatische belastung tragen. hierfür ist die haltung grundlegend, dass eine person nicht ihr symptom ist, und das jeder aspekt einer person aus gutem grund so entstanden ist. eine wertfreie haltung der symptomatik gegenüber ist wesentlich. es geht darum, wege der kooperation zu finden, nicht darum, etwas zu bekämpfen.
eine diagnose beinhaltet immer eine unterscheidung zwischen gesund und krank, richtig und falsch, normal und anders. sie legt nahe, dass es ein problem gibt, das weg gemacht werden müsste, sich normalisieren sollte.
heilung, wie ich sie verstehe, bedeutet nicht immer, dass ein symptom verschwindet, sondern dass eine harmonie entsteht, in der wir uns als ganzes fühlen und alle aspekte unseres seins lieben können. das ist natürlich ein ideal, und ein lebenslanger und individueller weg. aber diese grundhaltung können wir zusammen üben.
ein symptom kann unnötig werden, wenn das zugrundeliegende anliegen erkannt wird und anders erfüllt werden kann. dies sind hochkreative, individuelle und inspirierende prozesse.
wird hingegen versucht, ein symptom zu bekämpfen, ohne, dass die ihm innewohnende motivation anerkannt wird, wird diese grundmotivation sich andere wege suchen müssen, um ihr bedürfnis zu erfüllen. es kann zu einer symptomverschiebung kommen.
vor allem wird es das gefühl der person vertiefen, dass etwas mit ihr nicht stimmt. schließlich muss ein teil von ihr ja bekämpft werden. wie eduardo duran, sehe auch ich das als eine form der gewalt, die teil des systems ist, dass die primäre verletzung verursacht hat.
jeder mensch ist ein komplexes ökosystem, in dem alles zusammenspielt. ein problem mit diagnosen ist, dass sie oft nur einzelne symptome benennen, aber der größere zusammenhang und die ursachen nicht erkannt werden. die aktuelle forschung zeigt beispielsweise, dass unsere darmgesundheit eine wesentliche grundlage dafür ist, dass unser gehirn und unser gesamter körper langfristig gesund bleiben. vielen chronischen erkrankungen liegt eine problematik im verdauungstrakt zugrunde. gleichzeitg können sich viele symptome chronischer (auch neurologischer und psychischer) erkrankungen verbessern, wenn wir unsere darmgesundheit stärken und ein gesundes, diverses mikrobiom aufbauen.
es ist schon lange bekannt, dass menschen, die frühen traumatisierungen ausgesetzt waren, ein erhöhtes risiko für erkrankungen aller art haben. (siehe dazu die bekannte ACE studie...)
wenn eine gesunde darmflora und darmtätigkeit grundlage für ein gesundes gesamtsystem sind und menschen mit frühen traumatisierungen ein erhöhtes risiko für erkrankungen haben, ist die frage: wie hängt chronischer, traumatischer stress mit unserer darmgesundheit zusammen?
der vagusnerv bildet eine wichtige verbindung zwischen darm und gehirn und spielt außerdem eine wesentliche rolle in unserem autonomen nervensystem. wenn der darm krank ist, kann das direkte auswirkungen auf das gehirn haben und sowohl zu neurologischen wie auch psychischen erkrankungen führen. als teil unseres autonomen nervensystems spielt der vagusnerv aber auch eine wichtige rolle in bezug auf unsere stressregulation.
das autonome nervensystem steuert unter anderem die automatischen stressreaktionen, wenn wir uns in erlebter gefahr befinden. unser körper ist darauf ausgelegt, mit kurzzeitiger gefahr umzugehen. unsere autonomen überlebensreaktionen sorgen bei akuter bedrohnung dafür, dass andere funktionen in den hintergrund treten, entweder um energie für flucht oder kampf zu mobilisieren oder um energie zu bewahren und in einer auswegslosen situation möglichst wenig lebendig zu wirken. im überlebensmodus gibt es nur eine geringe kapazität für stoffwechsel und regeneration. der körper ist darauf ausgelegt, dass wir nach der bedrohung wieder in einen sicheren zustand zurückkehren und uns regenerieren können.
wenn aber für ein kind das zuhause keinen sicheren raum bietet, kommt es nicht zu ausreichend nervensystemregulation. körper und psyche können nicht ausreichend regenerieren. wesentliche emotionale und körperliche verarbeitungsprozesse können nicht geschehen. aus chronsichem stress entstehen chronische erkrankungen.
für einen jungen menschen, dessen nervensystem sich noch ausbildet, ist es besonders wichtig, sich nicht nur körperlich, sondern auch emotinal sicher zu fühlen. dazu müssen wir wertschätzung, interesse an unserer person, fürsorge und vertrauen erfahren. dazu müssen unsere bedürfnisse wahrgenommen und ernst genommen werden. wenn das dauerhaft fehlt, lernt das nervensystem nicht, wie es reguliert sein kann. es lernt nur stress, mangel oder bedrohung kennen. das führt zu einem chronsich dysregulierten nervensystem und somit zu einem unterversorgten körper (inklusive gehirn).
chronischer stress =
der körper kann nicht richtig verstoffwechseln
mangelhafter stoffwechsel =
es werden nicht genug nährstoffe absorbiert, giftstoffe werden nicht ausgeschieden
nährstoffmangel =
wesentliche botenstoffe (serotonin, dopamin, etc.) werden nicht ausreichend produziert
giftstoffe im körper =
entzündungen (auch im gehirn) und autoimmunerkrankungen können auftreten
chronische entzündungen =
regenerative prozesse werden behindert, symptome entstehen
entzündungen im gehirn =
synapsen leiden, beeinträchtigung der psychischen und kognitiven funktion
chronischer traumatischer stress =
langfristig: körperliche, psychische und kognitive symptome
durch diese unterversorgung kann es zu typischen, sogenannten komorbiden störungen wie affektiven symptomen oder einer angstsymptomatik kommen. auch körperliche beschwerden können als folge von traumatischem stress auftreten. leider wird ein darunterliegendes (bindungs-) trauma oft nicht erkannt, so dass betroffene personen bei einer bloßen diagnostizierung der entstandenen symptome (beispielsweise diagnose: depression oder angststörung) keine wirkliche erleichterung finden, weil die ursachen nicht behandelt werden.
neuroplastizität bedeutet, dass sich unser gehirn weiter entwickelt, dass es anpassungsfähig ist und fähig zur regeneration.
wir sind hier um zu lernen: wir können beginnen, das, was uns gefehlt hat, selber für uns zu finden. der menschliche organismus ist bereit zu lernen und zu heilen. hierbei gehen körperliche und seelische prozesse hand in hand und manchmal ist es nötig, neben der psychotherapie auch für den körper zu sorgen.
wir können mit einer gesunden, ballaststoffreichen ernährung unheimlich viel erreichen, denn wir geben so unserem körper die basis, wieder eine gesunde darmflora als grundlage für alle anderen prozesse im körper aufzubauen. auch unser mentaler zustand hängt von unserer darmgesundheit ab, denn auch die produktion von hormonen, neurotransmittern und anderen wichtigen stoffen ist beeinträchtigt, wenn unser darm nicht gesund funktionieren kann.
wenn die belastung chronisch ist, kann es hilfreich sein, anfangs bestimmte nährstoffe zu supplementieren, um den körper soweit zu versorgen, dass integrative prozesse möglich werden und die kapazität für traumaverarbeitung entsteht. dies sollte durch eine fachkundige person (beispielsweise durch eine ärzt*in oder heilpraktiker*in) abgeklärt und begleitet werden.
gleichzeitig ist es wesentlich, schritt für schritt ein gefühl der sicherheit und verbundenheit kennenzulernen und sich zu eigen zu machen. wir können lernen, unser nervensystem zu regulieren und wichtige erholungsphasen im alltag zu integrieren. so geben wir körper und seele raum für heilungsprozesse. die ressourcenorientierte arbeit zielt genau hierauf ab.
wir brauchen einen sicheren raum, um verarbeiten zu können. also machen wir uns in der therapie auf die suche danach, was sich sicher anfühlt, was sich gut anfühlt. dies ist wiederum ein sehr individueller prozess.
wenn wir von beginn an das gefühl von verbundenheit und sicherheit zu wenig erlebt haben, kann es sich zunächst bedrohlich anfühlen, in eine entspanntere haltung zu kommen. nur mit sehr viel respekt und feingefühl können wir herausfinden, wie viel verbundenheit wann gut tut. und stück für stück können wir nachlernen, was gefehlt hat.
unser gesamter organismus ist auf heilung eingestellt. dies ist ein prozess, bei dem wir auf die weisheit des gesamtsystems vertrauen und einen individuellen weg finden.
healing with a tree
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